Verlustmeldung

GUDELIUS: Augenblick mal!

 

Hier schreibt der Quickborner Autor Peter Gudelius einmal in der Woche zu Themen der Stadt, des Landes und der Welt. Was sich kritisch liest, mal mehr, mal weniger zugespitzt, will als Anregung verstanden sein und zum Nachdenken verführen. Herausgeber und Redaktion weisen darauf hin, dass die Beiträge die Ansicht des Kolumnisten wiedergeben.

Weitere Beiträge des Autors finden Sie in seinem Blog „Sprach-los".

 

Anmerkung der Redaktion

Der folgende Beitrag bezieht sich auf eine Äußerung des Ratsherrn Ulf C. Hermanns-von der Heide, über die Quickborn1 hier berichtete.

 

Verlustmeldung

„Früher war mehr Lametta“, wie Loriot sagte, was aber nicht stimmt. Früher war mehr Anstand. Das allerdings stimmt. Der ist heute kaum noch vorhanden. Was vor Jahren  noch wirkte, wenn jemand aus der Rolle fiel – „das tut man nicht, das sagt man nicht.“ – ist heute lächerlich. Heute nimmt sich jeder alles heraus: jede Beschimpfung, jede Gemeinheit, jede Pöbelei.

Das Internet hat die Schleusen geöffnet, wofür das Internet nichts kann. Für Pöbeleien war es nicht gedacht und nicht gemacht. Aber es wird dafür benutzt. Die Feiglinge machten den Anfang. Sie äußerten sich anonym.

Die Zeiten sind vorbei. Es scheint – nach heutigem Sprachgebrauch – cool zu sein, sich zu seinen Schweinereien, oder sind es nur Entgleisungen? mit Namen zu bekennen. Von Anstand keine Rede. Von Pöbelei umso mehr. Die arbeitet sich offensichtlich von unten nach oben herauf und hat inzwischen die höheren Schichten erreicht. Dafür gibt es unzählige Beispiele. Man muss nicht lange nach ihnen suchen. Sie liegen vor der eigenen Haustür.

Wenn ein Quickborner Ratsherr – Ratsherren gehören nicht unbedingt zum Pöbel – von „postkommunistisch-protektionistischer“ Entwicklungspolitik schreibt, dann sieht das schon ziemlich schräg aus. Ausgerechnet die Quickborner Rechten postkommunistisch? Lächerlich!

Die eigentliche Pöbelei, die Verachtung der „einfachen“ Bürger Quickborns, des Plebs also, kommt auf perfide, gemeine Weise daher. Da werden die Reichen der Stadt, die Familien in Heide, „die nachhaltig in Quickborn Geld verdienen“ gegen die „angstbehafteten Bürger in ihren Schlafstätten“ ausgespielt.

Lieber Herr Hermanns-von der Heide, Sie haben sich nicht versteckt. Sie haben sich klipp und klar geäußert zum Thema „Reich gegen Arm“. Eine Pöbelei ist es trotzdem. Ist das nicht unter Ihrer Würde?

 

PS: Natürlich war es auch 1963 mit dem Anstand so eine Sache. Nicht alles, was der Anstand gebot, war anständig, gehörte sich eigentlich nicht.  „Wenn ein Professor der Hamburger Universität 1963 in einen Fahrstuhl stieg, durfte man als Student nicht mit einsteigen.“ (Benno Hoffmann, DIE ZEIT 12. 10. 2017).
Dieser Anstand ist hier nicht gemeint.







 





 


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