Info-Stelen zur Neutra-Siedlung eingeweiht

Hilmer Goedeking, Vorsitzender der Richard J. Neutra Gesellschaft, Landeskonservator Dr. Michael Paarmann und Erster Stadtrat Klaus H. Hensel weihten die Stelen ein (v.l.).
Hilmer Goedeking, Vorsitzender der Richard J. Neutra Gesellschaft, Landeskonservator Dr. Michael Paarmann und Erster Stadtrat Klaus H. Hensel weihten die Stelen ein (v.l.).

Zwei edle Info-Stelen bieten jetzt Informationen zur Neutra-Siedlung, einem der städtbaulichen Glanzstücke Quickborns.

 

Zur feierlichen Einweihung war extra aus Frankfurt Hilmar Goedeking, der Vorsitzende der Richard Neutra Gesellschaft, angereist, die die Säulen auch initiiert und gestaltet hat. Aus Kiel war Landeskonservator Dr. Michael Paarmann gekommen, für die Stadt nahm Erster Stadtrat Klaus H. Hensel an der Zeremonie teil.

 

Goedeking erinnerte in seiner Ansprache an die Entstehung der Neutra-Siedlung. Vor 52 Jahren - es war die Zeit der Petticoats und des Lloyd-„Leukoplastbombers"- lag die deutsche Architektur noch darnieder. Zum einen war sie noch geprägt von den Nachwirkungen der Nazi-Zeit, zum anderen hatte die schnelle Schaffung von Wohnraum hohe Priorität. In dieser Phase unternahm die Hamburger Betreuungs- und Wohnungsbaugesellschaft mbH (BEWOBAU) einen mutigen Schritt und beauftragte den amerikanischen Architekten Richard Neutra (1892 - 1970) mit dem Bau von zwei Bungalowsiedlungen in Quickborn und in Walldorf bei Frankfurt. Der in Wien geborene Neutra hatte sich in den USA einen Namen gemacht und besaß großen Einfluss auf die internationale Architekturszene. Sein Ziel war es, gut bewohnbare Häuser zu schaffen.

 

Vor 10 Jahren wurde die Richard Neutra-Gesellschaft gegründet, um das Andenken an den großen Architekten zu erhalten und die Diskussion über Architektur zu beleben. In diesem Sinne habe die Gesellschaft nach Walldorf jetzt auch in Quickborn Info-Stelen aufstellen lassen, um das Gefühl zu unterstützen, dass es sich bei dieser Siedlung um etwas Besonderes handele, das eine hohe Wertschätzung verdiene. Er dankte der Kulturstiftung Schleswig-Holstein, die den Großteil der Kosten von rund 10.000 Euro übernommen habe, sowie der Stadt Quickborn, die für das Fundament gesorgt habe.

 

Erster Stadtrat Klaus H. Hensel bedankte sich für die Initiative der Richard Neutra Gesellschaft und für die Unterstützung der Kulturstiftung. Er einnerte daran, dass die Neutra-Siedlung seinerzeit ein Zeichen des Aufbruchs in Quickborn gewesen sei. Nach dem Kriege sei es zunächst darum gegangen, schnell Wohnraum zu schaffen. Dann folgte die Entwicklung von Quartieren wie z.B. der Ölting-Siedlung, die ein einheitliches Aussehen gehabt hätten. Mit der Neutra-Siedlung und der Fertighaus-Ausstellung 1963 sei man dann völlig neue Wege gegangen und habe damit auch bundesweit Aufsehen erregt. Doch die Nachfrage nach den zukunftsweisenden, aber für Deutschland ungewohnten Häuser in Quickborn

sei anfangs eher verhalten gewesen, sio dass sich die BEWOBAU entschloss, jedem Hauskäufer einen VW-Käfer als Zugabe zu spendieren.

 

Dr. Michael Paarmann, Leiter des Landesamtes für Denkmalpflege Schleswig-Holstein, erinnerte an heftige Diskussionen im Jahre 2005, als das Landesamt die Neutra-Häuser in Quickborn in das Denkmalbuch des Landes eingetragen hatte. Diesem Verwaltungsakt sei eine lange, zum Teil kontrovers und öffentlich ausgetragene Debatte um den Wert der Bungalowsiedlung voraus gegangen. Dabei sei es nicht in erster Linie darum gegangen, den Wert der Häuser oder die Baukunst Richard Neutras in Frage zu stellen, sondern wie fast immer um die Frage, ob eine Landesbehörde die “diktatorische Vollmacht” besitze, die grundgesetzlich verbrieften Eigentumsrechte der Bürger einzuschränken.

Nach dem Gesetzesvollzug sei rasch der Alltag wieder in die Siedlung zurückgekehrt, die kritischen Stimmen verstummten schnell. Die Denkmalbehörden berieten die Eigentümer, wie sie ihre Häuser zeitgemäß modernisieren konnten, ohne dass der Denkmalwert der Siedlung oder des Einzelobjekts eine Qualitätseinbuße erleiden mussten. Neueigentümer, die sich ganz bewusst in die Siedlung eingekauft haben und zur Kooperation bereit waren, sanierten beispielhaft und machten öffentlich erlebbar, welches künstlerische Potenzial in den Neutra-Häusern schlummert. Paarmann lud die jetzigen Besitzer ein, notwendige energetische Maßnahmen gemeinsam mit dem Denkmalschutz umzusetzen.


Paarmann:„Dass das Landesamt für Denkmalpflege mit der Unterschutzstellung der 67 Neutra-Häuser Mut bewiesen und richtig gehandelt hat, wird heute nicht mehr bestritten. Die Siedlung Marienhöhe ist vielleicht der wichtigste Beitrag, der zur Architektur der internationalen Moderne im Land Schleswig-Holstein verwirklicht worden ist. Sie gehört zugleich zu den wenigen europäischen Werken des berühmten amerikanischen Architekten Richard Neutra, der durch seinen für die damalige Zeit luxuriösen Baustil die Bewohnern der Siedlung am Lebensstil und der Wohnkultur der amerikanischen Highsociety teilhaben lassen wollte." Und er lobte ausdrücklich die Gestaltung der Info-Stelen, die von der Richard Neutra-Gesellschaft ganz im Stil des amerikanischen Star-Architekten gehalten seien.

 

KOMMENTAR

„Auf die Idee mit Info-Säulen hätten wir vielleicht auch schon früher einmal kommen können", räumte Erster Stadtrat Klaus H. Hensel in seiner Ansprache ein. Dass Quickborn der Darstellung seiner architektonischen Perle wenig Beachtung geschenkt hat und schenkt (auf der offiziellen Website der Stadt findet sich unter dem Stichwort "Neutra" bis heute kein Eintrag) verwundert eigentlich niemanden. Aber wie sich die Stadtverwaltung verhält, wenn der Stadt dann edle Hinweisschilder von nicht ganz unerheblichem Wert sogar geschenkt werden, das ist schon bemerkenswert. Da reisen also zwei führende Repräsentanten der stiftenden Organisationen aus Frankfurt und Kiel an und niemand kommt auf die Idee, sie auch nur mit ein wenig Gastfreundschaft zu empfangen. Man muss nicht gleich einen roten Teppich ausrollen, aber eine Einladung zum Kaffeetrinken z.B. in einem der Neutra-Häuser wäre eine nette Geste gewesen. Eine Gastgeberfamilie hätte sich sicher gefunden, denn bei früheren Gelegenheiten hatten Hausbesitzer schon einmal ihre Türen geöffnet.

 

Aber es geht noch weiter. Der einzige Beitrag der Stadt zu diesem Projekt bestand darin, ein Fundament zu gießen und die Säulen aufzustellen. Immerhin: Sie standen! Aber die kleine Baugrube zu dem schon länger feststehenden Termin dann auch zu schließen, dafür hat es nicht mehr gereicht.  Nach unseren Informationen standen die Säulen  rechtzeitig für die Aufstellung zur Verfügung.

 

Na klar: Wenn um die Säulen eine rund 20 Zentimeter breite und ebenso tiefe "Baugrube" besteht, muss eine solche Baustelle natürlich abgesichert sein, und zwar mit einer richtig schönen Absperrung (siehe unser Foto in der Ankündigung zu dem Termin). Warum es aber der Stadt nicht gelingt, diese Absperrung rechtzeitig vor dem Einweihungstermin zu entfernen, ist schleierhaft. So durften also die beiden rechtzeitig angereisten Gäste selbst Hand anlegen und die Absperrungen abbauen und beiseite legen, ehe die ersten Offiziellen der Stadt auftauchten. (Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich erwarte nicht, dass Herr Hensel diese Aufgabe übernimmt.) So macht man das ja auch: Wer ein Geschenk übergibt, hat es gefälligst selbst auszupacken.

 

Und hat überhaupt einmal jemand Verantwortliches aus der Stadtverwaltung vor der Aufstellung der Stele den Standort inspiziert?  Dann hätte man vielleicht bemerken können, dass der Blick auf die eine Stele nicht nur von einem hässlichen Papierkorb beeinträchtigt wird, sondern auch in Augenhöhe von einer sehr deutlichen Aufforderung zur Reinlichkeit in der Stadt: "Hundeköttel können nicht fliegen!" (Siehe Foto). Das soll geändert werden, hieß es, nachdem der Stifter sich eine Bemerkung dazu nicht verkneifen konnte. Schöner wäre es gewesen, man hätte diesen Makel rechtzeitig zur Einweihung beseitigt.

 

So bleibt eigentlich zum gesamten Ablauf nur ein Wort: Peinlich!


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