Viel Lärm um nichts?

25.6.2019 | „Jetzt  habe ich hier drei Stunden gesessen und bin am Ende total frustriert!" Ob es den anderen Besuchern der öffentlichen Veranstaltung der Fluglärmschutzkommission (FLSK) in Quickborn am Ende genauso ging, ist schwer zu sagen. Zum einen mussten immer wieder die begrenzten Einflussmöglichkeiten der Kommission eingeräumt werden, zum anderen wurde auch auf  Verbesserungen beim Lärmschutz hingewiesen.

Bürgermeister Thomas Köppl hatte die Veranstaltung nach Quickborn geholt, nachdem sich die Kommission in letzter Zeit mit öffentlchen Diskussionssveranstaltungen auch in die Region begeben hatte. Obwohl selbst Mitglied der Kommission, präsentierte er sich hier in erster Linie als Gastgeber,  die Auseinandersetzung mit den 130 Bürgern überließ er den anderen Vertretern  der Kommission. Gebhard Kraft, 2. stellvertretender Vorsitzender der FLSK, präsentierte zu Beginn mit Charts die Aufgaben der Kommission und aktuelle Daten zu den Flugbewegungen. Daneben stellten sich unter der professionellen Moderation von Daniel Luchterhandt vor allem Axel Schmidt, Umweltbeauftragter des Hamburger Flughafens , und  Uwe Schacht, als Vertreter der Hamburger Behörde für Umwelt und Energie stellvertetender Fluglärmschutzbeauftragter  der Stadt Hamburg, den Fragen der Zuschauer.

 

Wir versuchen mal, die Vielzahl von Fakten, Fragen und Argumenten unabahängig vom Ablauf der Veranstaltiung zu ordnen.

 

Verteilung der Flugbewegungen

Die „Bahnbenutzungsregeln" von 1967 schreiben Starts nach Möglichkeit in Richtung Nordwesten (also Richtung Quickborn) vor. In/aus Richtung Südosten sind keine Starts und Landungen vorgesehen.

 

Bei dieser Festlegung spielte einmal eine Rolle, dass in Norddeutschland der Wind angeblich vorrangig aus Westen weht und die Flugzeuge bevorzugt gegen den Wind starten sollen. Inzwischen sind die Windbedingungen nicht mehr so eindeutig.

Die Bahnbenutzungsregeln sollen aber vor allem helfen, die Betroffenenzahlen zu minimieren. Nach der EG-Umgebungslärmschutzrichtlinie sind das in Hamburg (nach Werten von 2017) 57.900 Personen, in Norderstedt (3.400), Quickborn und Hasloh (je 1.000) aber zusammen nur 5.400 Einwohner.

 

Das spiegelt sich folglich in der Verteilung der Flugbewegungen wider: 2018 gingen 68.108 der Starts und Landungen über Quickborn, das waren 44 Prozent der insgesamt  154.476 Flugbewegungen. Der Quickborn-Anteil hat sich damit gegenüber 2009 leicht von 41,0 Prozent erhöht.

 

Die Flugrouten

Charts zeigten die Flugrouten: Starts, die kurz vor Quickborn nach Westen oder Osten abbiegen, Landungen aus Norden, die geradewegs über die Eulenstadt führen und damit für Quickborn besonders störend sind.

 

Zuschauer bezweifelten, dass die Darstellung im !nternet richtig sei. „Nach der Radarspur sollte ein Flieger 100 Meter von meinem Haus entfernt gestartet sein, flog aber direkt über mein Haus!" Reimer Lange (CDU), viele Jahre Quickborner Vertreter in der FLSK, wies unter Beifall darauf hin, dass der Abschwenkpunkt eigentlich östlich der A7 liege, in der Realität aber meist westlich der Autobahn geflogen werde.

 

Flughafen-Vertreter Axel Schmidt, der auf seine eigenen Erfahrungen als Flieger verwies, machte jegliche Hoffnung zunichte, dass durch Änderungen der Routen oder von Sink-Winkeln Lärmreduzierungen zu erreichen seien. So sei z.B. ein „Umkurven" beim Landeanflug aus technischen und Sicherheitsgründen nicht möglich.

 

Die Nachtflüge

Normalerweise sollte der Flugbetrieb am Hamburg Airport ab 23 Uhr bis 6 Uhr in der Früh ruhen. Zwischen 23 und 24 Uhr können jedoch Ausnahmegenehmigungen erteilt werden. Nach 0,00 Uhr werden diese Genehmigungen nur in absoluten Ausnahmefällen erteilt (medizinische Flüge etc.) erteilt.

 

In letzter Zeit hatten in Quickborn vor allen die Beschwerden über zunehmende Nachtflüge zugenommen. Und die Zahlen bestätigten diesen Eindruck: 2018 wurde mit 8.660 ein absoluter Rekordwert erreicht. Als Gründe wurden in der Veranstaltung u.a. der zunehmende Luftverkehr und die Neigung vor allem der Billig-Fluglinien genannt, ihre Flüge gern in den Tages-Randbereich anzubieten. Darüber hinaus seien die Strafen, die trotz Anhebung zur Zeit maximal rund  2.000 Euro ausmachen, viel zu gering.  Der Aufwand für die Airlines, z.B. in Hannover zu landen und den Passagieren ggfls. Hotelzimmer bezahlen zu müssen, sei deutlich höher. Als Extremfall wurde das Beispiel einer Starterlaubnis für eine arabische Airline genannt, die wegen einer Messe in Hamburg angeblich keine Hotelzimmer für ihre Passagiere finden konnte.

 

Das Problem wurde allerdings auch schon von den Aufsichtsbehörden, vom Flughafen  und den Airlines erkannt. Für die Fluggesellschaften würden sich die Entschädigungen, die sie nach Stärkung der Fluggastrechte nach Verspätungen an ihre Passagiere zahlen müssten, viel stärker auswirken als mögliche höhere Strafzahlungen. Allein die Lufthansa habe dafür 2018 250 Milionen Euro zahlen müssen. Wie Judith Reuter , Referatsleiterin für Luftverkehr in der Hamburger Behörde für Wirtschaft, berichtete, habe sich auch die Einsetzung einer Taskforce gemeinsam mit den Airlines bereits ausgezahlt, um mit organisatorischen Maßnahmen verspätete Flüge zu vermeiden. In den ersten Monaten 2019 habe sich die Zahl der Verspätungen gegenüber dem Vorjahr bereits halbiert.

 

Zukunftsperspektiven

„Fliegen muss teurer werden!" Bürgermeister Thomas Köppl setzt mit dieser Forderung offensichtlich auf eine gesamte Reduzierung des Luftverkehrs. Und auch seine Forderung nach Besteuerung des Kerosins geht in diese Richtung. Und das nicht nur wegen des Lärms, sondern auch die C02-Belastung müsse gesenkt werden.

 

Gebhard Kraft räumte ein, dass der C02-Ausstoß des Flugverkehrs über Hamburg seit 1990 umd rund 40 Prozent gestiegen sei. Da ist die Ankündigung Schmidts, dass der Flughafen selbst ab 2022 klimaneutral arbeiten werde, sicher nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Auf jeden Fall werde der Flughafen weiter ausgebaut: In Planung seien ein neues Shuttlegate, ein Gepäckspeicher und fünf neue "Finger". Man gehe von einer Steigerung der Passagierzahlen um 2,5 Prozent und der Flugbewegungen um 1,2 Prozent aus.

 

So ganz nebenbei erwähnte Schmidt, dass Hamburg dank Airbus und Lufthansa-technik immerhin der drittgrößte Luftfahrt-Standort der Welt sei.

 

Politik und Bürger

Reimer Lange fasste denn auch seine langjährigen Erfahrungen aus der Mitarbeit in der FLSK in folgender Prioritäten-Liste zusammen: Sicherheit,  Wirtschaft, Lärmschutz. Er beklagte auch eine zu geringe Unterstützung seitens der Landesregierung: „Kiel ist ja auch weit weg von der Hamburger Einflugschneise ..." Auch Bürgermeister Köppl wünschte sich ein stärkeres Engagement der Politik.

 

Aber auch die Bürger sollten sich durch möglicherweise frustrierende Erlebnisse nicht davon abhalten lassen, ihre Beschwerden einzureichen. Bürgervorsteher Henning Meyn hatte in der Veranstaltung berichtet, dass er sich über die Website der Stadt beschwert habe und umgehend eine Eingangsbestätigung erhalten, aber dann  keine Rückmeldung erhalten habe. Er wurde darauf hingewiesen, dass dies bei 170.000 Beschwerden jährlich nur bei konkreten Fragen vorgesehen sei. Aber sämtliche Beschwerden würden berücksichtigt.

 


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Kommentare: 1
  • #1

    Reinhard Löffler, Quickborn (Montag, 01 Juli 2019 14:24)

    Ich habe vermisst, dass Möglichkeiten zur Lärmminimierung gar nicht diskutiert wurden. Und die gibt es! Das An und Abflugverfahren ist steinzeitlich! Hat schon mal ein Entscheidungsträger über variables Powersetting bei den Abflugrouten nachgedacht? Ganz geschweige von einem steileren Anflugwinkel. Der heutige Anflugwinkel wurde mal von der US NAVI für das Anfliegen auf Flugzeugträger als optimal ermittelt. Ich bin davon überzeugt, dass ALLE Amtsträger sich hinter der Flugsicherung verstecken und der Wille zur Änderung fehlt. Oder fehlt es an Fachwissen bei den Entscheidungsträgern? Lobbyisten von bestimmten Bevolkerungsgruppen sind mit Sicherheit nicht untätig um den eingefahrenen Status ja nicht zu verändern.