Zeit zu hassen, Zeit zu lieben

GUDELIUS: Augenblick mal!

 

Hier schreibt der Quickborner Autor Peter Gudelius einmal in der Woche zu Themen der Stadt, des Landes und der Welt. Was sich kritisch liest, mal mehr, mal weniger zugespitzt, will als Anregung verstanden sein und zum Nachdenken verführen. Die Äußerungen des Autors stellen nicht die Meinung des Herausgebers/der Redaktion dar.

Weitere Beiträge des Autors finden Sie in seinem Blog „Sprach-los".

 

Zeit zu hassen, Zeit zu lieben.

Auch wir, wir Deutschen, müssen Deutschland nicht lieben. Aber es ist jedem von uns überlassen, das zu tun oder auch nicht.

 

Bundespräsident Heinemann seinerzeit auf die Frage, ob er Deutschland liebe: „Ich liebe meine Frau.“

 

Tucholsky dagegen: „Wir dürfen Deutschland hassen, weil wir Deutschland lieben.“

 

Das ist unser gutes Recht. Dieses Recht dürfen wir uns nicht nehmen lassen, um keinen Preis.

 

Heute ist es wieder so weit. Wir – und nicht irgendjemand sonst – wir müssen Deutschland hassen, wenn wir es wirklich lieben oder auch nur gut finden, oder es uns sogar ziemlich gleichgültig ist.

 

Wir müssen es, damit wir auch morgen früh in den Spiegel sehen können, ohne uns schämen zu müssen. Mehr ist zu dem folgenden Auszug aus der gestrigen SPIEGEL ONLINE-Ausgabe nicht zu sagen. Sie spricht für sich selbst und nicht für unser

Land.

 

Verlierer des Tages...

... ist Deutschland. Denn Bivsi R., ein in Deutschland geborenes Mädchen, 14 Jahre alt, das die Klasse 9d des Duisburger Steinbart-Gymnasiums besuchte, wurde am Montag von Beamten aus dem Unterricht geholt und am Nachmittag zusammen mit seinen Eltern in einen Abschiebeflug nach Nepal gesetzt. Das war für die Mitschüler ein traumatisches Erlebnis, sogar ein Notarzt musste gerufen werden. Was es für das Mädchen bedeutet, das sein ganzes Leben in Deutschland verbracht hat, mag man sich kaum vorstellen. Gewiss, die Abschiebung war rechtens. Die Eltern hatten seit 1998 in Deutschland gelebt, ihre Asylanträge waren abgelehnt worden. Aber eine Abschiebung ist in meinen Augen unter diesen Umständen nicht nur inhuman, sondern auch unsinnig. Welches Interesse hat Deutschland daran, eine perfekt integrierte Gymnasiastin abzuschieben? Ich finde: Es müsste in solchen Fällen eine Möglichkeit geben, eine Aufenthaltsbewilligung zu

erteilen ...


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