Schlafstadt? Von wegen!

GUDELIUS: Augenblick mal!

 

Hier schreibt der Quickborner Autor Peter Gudelius einmal in der Woche zu Themen der Stadt, des Landes und der Welt. Was sich kritisch liest, mal mehr, mal weniger zugespitzt, will als Anregung verstanden sein und zum Nachdenken verführen. Die Äußerungen des Autors stellen nicht die Meinung des Herausgebers/der Redaktion dar.

Weitere Beiträge des Autors finden Sie in seinem Blog „Sprach-los".

 

Quickborn an einem beliebigen Abend, wenn die Geschäfte geschlossen haben. Das ist so zwischen 18.00 und 19.00 Uhr der Fall. Wer dann die Bahnhofstraße entlang geht, fragt sich, wer auf die Idee gekommen ist, diese Straße Flaniermeile zu nennen.

 

Wer hier sein Geschäft betreibt, hat es pünktlich geschlossen. Unvermietete Geschäftsräume glotzen den Passanten mit Fenstern an, hinter denen nichts als Leere vor sich hin gähnt. Auf dem Weg zum Bahnhof rechterhand ein Platz, der einladend sein will und es nicht schafft. Auch der geduldigste Hintern findet

hier keine Freude an dem Metallgestühl, das seine Hässlichkeit nicht verbergen kann und seine Unbequemlichkeit nicht leugnet. Nur wer nicht weiterkann, wird hier halt machen.

 

Eine beunruhigende Ruhe begleitet den „Flaneur“ bis zum Forum, das mit der ursprünglichen Bedeutung dieses Wortes nichts zu tun hat. Von einem Platz, an dem sich Bürger versammeln, von einem Mittelpunkt der Stadt, ist nichts zu sehen.

Der Wochenmarkt im Abseits und vielleicht deshalb verödet, seit Jahren ein Schatten seiner selbst.

 

All diese Lieblosigkeit, diese Gesichtslosigkeit, diese Gleichgültigkeit muss doch Gründe haben. Einer könnte sein, dass Quickborn sich als Schlafstadt versteht. Morgens aus den Federn und zur Arbeit nach Hamburg, abends zurück ins eigene

Nest – Schlafstadtrhytmus eben.

 

Von wegen! Das ist nicht so. Etwa 100 Vereine sind aktiv – bei 20.000 Einwohnern eine beachtliche Anzahl. Das Meiste spielt sich nicht auf der Straße ab, aber so manches ist doch unübersehbar, unüberhörbar. Konzerte, Vorträge, Lesungen,

Ausstellungen, Gäste aus aller Welt, internationales Niveau immer wieder.

 

Wie aber kommt es zu dem Eindruck, Quickborn sei eine Schlafstadt? Bei dieser Vielfalt eigentlich unverständlich. Wer nach einer Erklärung sucht, stößt schnell auf die bedauerliche Tatsache, dass Quickborn seine bäuerliche Herkunft nicht nur

verleugnet, sondern ausradiert hat. Statt Altes mit Neuem zu verbinden, der Tradition das Moderne hinzuzufügen, lief man vermeintlichem Fortschritt hinter-her – bis zur Traurigkeit, die überall zu besichtigen ist. Eine Stadt ohne Gesicht.

 

Was blüht, blüht zu einem großen Teil im Verborgenen. Und wo das Schöne an die Öffentlichkeit tritt, wird es von der Stadt, von Politik und Verwaltung, nicht hervorgehoben.

 

Es wird Zeit, dass die Stadt Gesicht zeigt und sich den Schlaf aus den Augen reibt. Ihre Bürger zeigen, wie man das macht.

 

 

 

 

 

 


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