Die Geschichte vom beleidigten Mikrofon

GUDELIUS: Augenblick mal!

 

Hier schreibt der Quickborner Autor Peter Gudelius einmal in der Woche zu Themen der Stadt, des Landes und der Welt. Was sich kritisch liest, mal mehr, mal weniger zugespitzt, will als Anregung verstanden sein und zum Nachdenken verführen. Herausgeber und Redaktion weisen darauf hin, dass die Beiträge die Ansicht des Kolumnisten wiedergeben.

Weitere Beiträge des Autors finden Sie in seinem Blog „Sprach-los".

 

Es war einmal ein Mikrofon, das fühlte sich sehr unglücklich. Es fragte sich: Weshalb hat man mich zwischen die Stühle gesetzt, zwischen der und die? (Schon Mark Twain regte sich über das deutsche der, die, das auf.)

 

Wie es der Zufall will: Als sich das unglückliche Mikrofon mit dieser Frage beschäftigte, fand in Stuttgart ein evangelischerKirchentag statt. Was niemand erwartet hätte – hier wurde dem Mikrofon aus seiner Verzweiflung geholfen. Im offiziellen Programmheft entdeckte unser Mikrofon folgenden Hinweis: „Die Teilnehmenden sind eingeladen, mitzureden und ihre Meinung deutlich zu machen: über Anwältinnen und Anwälte des Publikums und über Saalmikrofoninnen

und –mikrofone.“

 

Unser Mikrofon hätte am liebsten laut Hurra! geschrieen – hurra, ich bin eine Mikrofonin! Von Nächstenliebe soll auf dem Kirchentag weniger gesprochen worden sein. Das Pampern der Feministinnen hat alle wohl zu sehr in Anspruch genommen. Aber das war unserem Mikrofon, das jetzt eine Mikrofonin war,

ziemlich egal. So viel unverhofftes Glück! Ob dieses Glück von Dauer sein wird, weiß man noch nicht.

 

Wieso eigentlich man, warum nicht frau? Das fragt sich nicht nur die Speerspitze der Feministinnen, die sich im Arbeitskreis Sprachhandeln an der Humboldt-Universität versammelt haben. Wer sich einmal so richtig gruseln will, sollte ihr Pamphlet lesen. Bitte nicht kurz vor dem Zubettgehen! Vor Albträumen wird

ausdrücklich gewarnt. Zur Erklärung: Koffa statt Koffer, Kella statt Keller, Computa statt Computer; denn die Wortendung er ist unverschämterweise männlich – so die

sprachmisshandelnden Damen der Humboldt-Universität.

 

Statt Polemik zur Abwechslung etwas Sachliches (das ist wenigstens neutral): Das kleine Wörtchen man bedeutete im Althochdeutschen „irgendein beliebiger Mensch“. Wenn man damals einen Mann meinte, sagte man „gomman“ (Mannmensch). Einen Weibmenschen nannte man wifman, was wir in woman (engl.) heute noch wiederfinden. Mit unserem man sind also alle Menschen gemeint, Frauen wie Männer.

 

Warum also hat frau so ein Problem mit man?

 

 


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Kommentare: 1
  • #1

    Thomas Dänecke (Samstag, 01 April 2017 12:21)

    Glückwunsch (und nicht nur) zu diesem Artikel von Ihnen. Sehr treffend und intelligent formuliert und humorvoll analysiert. Danke.