Hat es schon angefangen?

GUDELIUS: Augenblick mal!

 

Hier schreibt der Quickborner Autor Peter Gudelius einmal in der Woche zu Themen der Stadt, des Landes und der Welt. Was sich kritisch liest, mal mehr, mal weniger zugespitzt, will als Anregung verstanden sein und zum Nachdenken verführen. Herausgeber und Redaktion weisen darauf hin, dass die Beiträge die Ansicht des Kolumnisten wiedergeben.

Weitere Beiträge des Autors finden Sie in seinem Blog „Sprach-los".

 

Martin Schulz, seit Kurzem Parteivorsitzender und Kanzlerkandidat der SPD, ist wie eine Silvesterrakete in den politischen Himmel geschossen und hat seine Partei gleich mit nach oben genommen. Er und seine Partei auf einer Höhe mit der Bundeskanzlerin und der Union – das sagen jedenfalls die verschiedensten Meinungsumfragen. Wer hätte das vor ein paar Wochen gedacht?

Auf jeden Fall: Die Parteienlangeweile in Deutschland ist erst mal weg. Die Presse freut sich. Endlich mal nicht nur Trump! Das müssen wir verstehen. Und wir müssen darauf aufpassen,  wer was schreibt und warum. Die Presse als vierte Macht im Staat – damit  kokettiert sie gern. Auch wenn das etwas hoch gegriffen ist, alles in allem dürfte es stimmen. Niemandem soll der Mund verboten werden, auch dem SPIEGEL nicht.

Unter der Rubrik „Affären“ schreibt das Blatt am 11. Februar 2017 „Jeden Tag Dienstreise – In seiner Zeit als EU-Parlamentspräsident versorgte SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz seine Getreuen mehrfach auf fragwürdige Art und Weise – zulasten des Steuerzahlers.“

Eine besondere Rolle spielt da die „Dauerdienstreise“ des Herrn Engels, der fast ausschließlich in Berlin arbeitete, sein Dienstort aber Brüssel war. Ergebnis: Allein 2012 war Herr Engels in Berlin 273 Tage auf Dienstreise, hauptsächlich von Brüssel nach Berlin und kassierte dafür 16.621,47 Euro. Martin Schulz macht da keine gute Figur.

Die Sache hat ein „Geschmäckle“ würden die Schwaben sagen, und ihnen könnte kaum widersprochen werden. Aber was hat DER SPIEGEL eigentlich gemacht? Er hat festgestellt, dass sich auf dem Mantel des heiligen – pardon – hypigen Martin ein paar unschöne Flecken befinden. Das zur Sprache zu bringen, gehört sich.  Die Aufregung ist natürlich groß, ganz besonders bei der SPD. Kein Wunder.

Damit ist der Bundestagswahlkampf 2017 eröffnet. Nicht nur die Union ist nervös, wie Katarina Barley, SPD-Generalsekretärin, sagt, sondern auch die SPD.
Das Gespräch, das der Deutschlandfunk am 14. Februar 2017 mit Frau Barley führte, spricht Bände.

Frau Barley findet es unfair, dass der CDU-Europaabgeordnete Heribert Reul Mitarbeiter aufgefordert habe, nach belastbarem Material gegen Schulz zu suchen. Natürlich ist es blöd, das in aller Öffentlichkeit zu sagen. Aber ist es nicht normal?  Sammelt nicht jede Partei Material gegen ihre Gegner? Ist das schon „schmutziger“ Wahlkampf? Den Dreck hätten dann alle an den Händen. Da drängt sich die Frage auf, weshalb Politiker in der Rangfolge der Glaubwürdigkeit und Beliebtheit so ganz unten zu finden sind.


Da wird es in diesem Gespräch nun wirklich verheerend. Frau Barley sagt allen Ernstes, die 16.000,00 Euro für die nicht gereisten Reisen des Herrn Engels seien regelkonform gewesen, (Diese Regelungen gelten noch?) und die nicht gereisten Reisen seien von CDU-Chefs abgezeichnet worden. Alles in Ordnung also?

Nein, ganz bestimmt nicht. Solche Regelungen gehören abgeschafft, und zwar sofort. Wenn die etablierten Parteien das nicht auf die Reihe bringen, dann werden es AfD, die Identitären, die Reichsdeutschen & Co. zum Thema machen. Diesen Wahnsinn sollten wir uns nicht leisten.

Und was die Gerechtigkeit angeht, die Martin Schulz sich auf die Fahne geschrieben hat und seiner Partei auch, was das angeht, hat Frau Barley ein Eigentor geschossen.

Zusammengefasst: Der Bundestagswahlkampf hat längst begonnen. Wir sind bereits mittendrin. Die Landtagswahlen im Saarland, in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen werden willkommene Brandbeschleuniger sein. Das ist zu befürchten.

Hans-Ulrich Jörges schreibt darüber im STERN vom 16. Februar unter dem Titel „Geliebtes Hasskartell“. Er schreibt über Facebook, inzwischen die dunkle Gegenwelt zur Idee des Internets, über die Unfähigkeit, den dort veröffentlichten Hass und die Hetze, die Lügen, etwas entgegenzusetzen außer billigen Absichts-erklärungen. Schlimmer noch: „Alle Parteien planen Wahlkampagnen im geliebten Hasskartell. Wer selbst Propaganda betreibt, hat indes schlechte Argumente gegen Desinformation. Anklage wird dann zur Heuchelei.“

Noch sammeln die Parteien ihre Truppen. Hier und da krachen schon ein paar Schüsse. Nicht jeder trifft. Wer sich aber getroffen fühlt, schreit laut auf und sinnt auf Vergeltung.

Allen voran ist die Presse. Für sie ist das Ganze ein gefundenes Fressen. Ein Fest!

Endlich mal nicht nur Grusel-Trump! Außer Rand und Band geratene SPD. Gedrückte Stimmung in der Union. Höhenflug und Niedergang. Die ganze Klaviatur – als wenn das Klavier schwarze und rote Tasten hätte.

DER SPIEGEL kritischer, der STERN eher wohlmeinend, was Superstar Schulz an geht. In anderen Titeln wird es ähnlich aussehen. Aufatmen in allen Redaktionen:
Endlich Schluss mit der Langeweile.

Was für ein Spektakel!



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