Eine Standpauke

GUDELIUS: Augenblick mal!

 

Hier schreibt der Quickborner Autor Peter Gudelius einmal in der Woche zu Themen der Stadt, des Landes und der Welt. Was sich kritisch liest, mal mehr, mal weniger zugespitzt, will als Anregung verstanden sein und zum Nachdenken verführen. Herausgeber und Redaktion weisen darauf hin, dass die Beiträge die Ansicht des Kolumnisten wiedergeben.

Weitere Beiträge des Autors finden Sie in seinem Blog „Sprach-los".

 

Jemandem eine Standpauke halten – das klingt so lutherisch kräftig und zeigt, wie schön unsere Sprache ist. Wir sagen jemandem unüberhörbar, was wir von seinem Tun halten, so unüberhörbar wie die Standpauke eben ist. Sie ist die größte und lauteste aller Pauken und man muss sie kräftig schlagen. Das tun wir, wenn wir eine Standpauke halten.

Natürlich ist nicht die Lautstärke allein entscheidend. Es kommt auch auf die Form an. Und so sollte es nicht überraschen, wenn eine Standpauke auch wie eine Bitte, fast wie ein Gebet daherkommen kann:

„Bittgespräch eines Protestanten"

Verehrter Dr. Martin Luther,
der du bist im Himmel, und
Meister des einfachen Wortes,
erbarme dich unser!

Fahre wie ein Blitz aus dem
Reich des verständlichen Wortes
und tilge die Übel, die überhand
nehmen.

Stopfe den Möchtegernen gründlich
das Maul: Denjenigen, die aus der
einfachsten Technik eine Technologie
machen. Denen, die keinen Anstand
verlangen, sondern eine Anstands-
kultur und alle möglichen Kulturen
darüber hinaus.

Treibe ihnen die Vergötterung des
Englischen aus; denn es schreit wirklich
zum Himmel.

Mit Public Viewing – der öffentlichen
Aufbahrung eines Toten, so weit das
Englische – bezeichnen sie hier eine
Fernsehübertragung auf Riesenbild-
schirmen im Freien. (Ich weiß, das
gab es damals auf der Wartburg und
in Worms noch nicht.)

Ob du es auch fertigbringst, den Wort-
verdrehern, den kleinen und großen
Schwindlern, das Mundwerk zu verbieten?
Sie machen aus der Rüstungsindustrie eine
Verteidigungsindustrie, sie sprechen von
vorläufiger Endlagerung, und sagen nicht,
was sie meinen: die endliche Vorläufigkeit
oder die vorläufige Endlichkeit?

Bitte verbinde denen die Augen, die in
Bildern sprechen möchten und es nicht
können. So ersparst du uns, dass „Droh-
kulissen erhöht“ werden, niemand mehr
„die Summen nach oben deckelt“ (wie
deckelt man sie nach unten?), und dann
müssten wir auch nicht mehr lesen, dass
„Der Schutzschirm bei weitem noch nicht
ausgeschöpft ist“.

Und schließlich: Rufe die zur Ordnung, die
jeder Mode hinterher rennen. Bis vor drei
Jahren konzentrierte man sich auf irgendetwas,
heute fokussiert man sich. Überhaupt wird
alles und jedes in den Focus gestellt.

Wenn du ein Zauberer wärst, würde ich dich
bitten, das Wort Focus jedes Mal in Lokus zu
verwandeln. Das würde helfen.

Aber du bist Dr. Martin Luther, und du bist
weit weg. Trotzdem bitte ich dich um Hilfe.
Vielleicht nützt es.“

Dieses Bittgespräch wurde schon 2010 notiert. Es ist so aktuell wie vor 6 Jahren. Nein, es ist noch aktueller: Gerade hat das Luther-Jahr 2017 begonnen. Luther hat uns gutes Deutsch beigebracht. Es wird Zeit, dass wir uns daran erinnern.




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