Vom Schweigen im Walde

GUDELIUS: Augenblick mal!

 

Hier schreibt der Quickborner Autor Peter Gudelius einmal in der Woche zu Themen der Stadt, des Landes und der Welt. Was sich kritisch liest, mal mehr, mal weniger zugespitzt, will als Anregung verstanden sein und zum Nachdenken verführen. Die Äußerungen des Autors stellen nicht die Meinung des Herausgebers/der Redaktion dar.

Weitere Beiträge des Autors finden Sie in seinem Blog „Sprach-los".

 

Denken wir einen Augenblick an Frankreich, an den 14. Juli, den französischen Nationalfeiertag. Ganz Frankreich ist auf den Beinen. Feuerwerk im kleinsten Dorf, Musik, Tanz und auch viel Wein – in die Nacht hinein bis in den frühen Morgen.

 

Damit zu uns nach Deutschland. 3. Oktober, das Schweigen im Walde. Ein Festakt in Dresden in höchster politischer Besetzung, begleitet von Pöbeleien. Sonst nichts, so gut wie nichts. Keine Freude, keine Begeisterung. Kein Feiertag, sondern ein freier Tag, ein verlängertes Wochenende. So auch in Quickborn. Dabei hätte

es so schön werden können.

 

Das von der 16-jährigen Schülerin Annegret Humann entworfene Mahnmal „Unteilbares Deutschland – Wir gehören zusammen“, 1965 zum Tag der Deutschen Einheit eingeweiht, wird Quickborn „zurückgegeben“ – sozusagen unter Ausschluss der Öffentlichkeit. 25 bis 30 Bürgerinnen und Bürger haben sich versammelt, Bürgervorsteher und Erster Stadtrat eingeschlossen. Bei 20.000 Einwohnern 1,5 Promille. 1965 waren es immerhin gut 4 Prozent, und das bei strömendem Regen und einer einstundenlangen Ansprache eines Politikers aus Berlin! Das Wetter am 3. Oktober dieses Jahres war gut.

 

Warum kam „niemand“? Wo blieben die Mitglieder aus Politik und Verwaltung? Wo blieb die Presse? Lag es am Informationsschreiben der Verwaltung, das vor allem von Routine diktiert war – Hinweis auf eine Veranstaltung von vielen?

 

Könnte es andere Gründe geben? Nicht nur in Quickborn, sondern überall in unserem Land? Ist der 3. Oktober vielleicht der falsche Tag?

 

Erinnern wir uns an den 9. November 1989. Erinnern wir uns an den Fall der Mauer. Erinnern wir uns an die Begeisterung, an das Lachen und Weinen an diesem Tag, an die Umarmungen, das große und das kleine Glück.

 

Gefühle, nichts als Gefühle? Ja, natürlich, nichts als das. Aber Nationalfeiertage leben davon. So verdienstvoll die Wiedervereinigungspolitik war – am 3. Oktober wurde besiegelt, was das Volk erreicht hatte. Ein Verwaltungsakt, mehr oder

weniger. Da schlägt kein Herz höher.

 

Wie sagte der Kleine Prinz? „Mit dem Herzen sieht man besser.“

 

 


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Kommentare: 1
  • #1

    A. Gudelius (Donnerstag, 27 Oktober 2016 20:08)

    „Vom Schweigen im Walde“
    Tag der Deutschen Einheit
    „Du meine Güte, ich weiß heute noch ganz genau, wie verrückt
    uns das alles vorkam an diesen Donnerstag. Ich saß in
    Ahrensburg vor dem Fernseher und konnte nicht fassen, was dort
    berichtet wurde. Urte kam vom Reiten nach Hause und ich rief
    aus dem Wohnzimmer: „Urte, komm schnell, die Grenze ist
    offen.!“ Aus dem Flur kam nur ein gelangweiltes „Ja, ja, wer’s
    glaubt.“ Bis sie dann auch vor dem Fernseher hing und wir beide
    das wohl am häufigsten in diesen Tagen gebrauchte Wort
    „Unglaublich“ immer wieder sagten. Am folgenden Freitag sind
    wir dann nach Ratzeburg gefahren und haben dort den
    unglaublichen Wahnsinn von Hunderten vor Trabbis und
    Wartburgs und lachenden und staunenden Menschen live
    miterleben dürfen.
    Und genau das ist der eigentliche Tag der Deutschen Einheit, der
    9. November – ein Tag voller lachender Ungläubigkeit, voll von
    schier vor Freude verrückten Menschen, in ganz vielen
    Gesichtern Tränen des Glücks...
    ... der 3.Oktober wird nie ein Feiertag des Herzens werden, wie
    es der 9. November hätte werden können.“
    25. 10. 2016