Eine kleine Zeitreise

GUDELIUS: Augenblick mal!

 

Hier schreibt der Quickborner Autor Peter Gudelius einmal in der Woche zu Themen der Stadt, des Landes und der Welt. Was sich kritisch liest, mal mehr, mal weniger zugespitzt, will als Anregung verstanden sein und zum Nachdenken verführen. Die Äußerungen des Autors stellen nicht die Meinung des Herausgebers/der Redaktion dar.

Weitere Beiträge des Autors finden Sie in seinem Blog „Sprach-los".

 

Seit jeher messen wir die Zeit. Wir teilen sie in Jahrtausende, Jahrhunderte, Jahrzehnte, in Jahre, Monate und Tage. So geht es weiter: die vierundzwanzig Stunden des Tages, die sechzig Minuten der Stunde ... und schließlich berechnen wir die Zeit in tausendstel Sekunden. Verstanden haben wir die Zeit aber nicht.

 

Wir können die Zeit nicht begreifen. Sie bleibt unfassbar für uns. So sehr wir uns bemühen: Immer wieder schlägt uns die Zeit ein Schnippchen. Manchmal kommt uns eine Sekunde vor wie eine Ewigkeit, ein anderes Mal ist eine Stunde so flüchtig wie ein Wimpernschlag. Es kommt vor, dass uns die Zeit auch für das Wichtigste fehlt. Manchmal haben wir gar kein Zeit, und dann wieder so viel Zeit, dass wir gar wissen, was wir damit anfangen sollen. Woran liegt das? Liegt es an uns? Liegt es an der Zeit?

 

Es sieht ganz so aus, als machten wir den Fehler, der die Zeit für uns so unerklärlich macht. Wir verstehen ihre Flüchtigkeit nicht, verstehen nicht ihre Unabhängigkeit von unserem Denken, von unserem Ordnungswahn.

 

Aber das sind nur Dinge, die für Philosophen wichtig sind. Das sind die Menschen, die uns die Welt erklären, die sie selbst nicht verstehen, genau so wenig wie die Zeit. Die Zeit ist für sie so unbegreiflich wie für alle anderen. Der einzige Unterschied zwischen den Philosophen und uns: Sie haben nicht begriffen,

dass sie es nicht begriffen haben.

 

Mit diesem Problem wollen wir die Philosophen allein lassen. Das wird ihnen vermutlich nur recht sein, schon deshalb, weil wir ihnen mit der Zeit zu leichtfertig umgehen – wie sie finden, bis zur Lächerlichkeit. Tatsächlich gibt es viel über unseren Umgang mit der Zeit zu lachen. Das wollen wir uns einmal genauer ansehen.

 

Fangen wir mit dem Zeitfenster an. Darüber ist der Zeitraum, an den wir uns gewöhnt hatten, so gut wie in Vergessenheit geraten. Das Zeitfenster ist neuer und erfreut sich bei Politikern und Managern unglaublicher Beliebtheit. Vor allem regt es die Phantasie an. Mal ist den Damen und Herren das Zeitfenster zu schmal, zu eng, mal fürchtet man, es könne sich schließen. Es soll auch schon mal geschlossen gewesen sein. Der Chef des Hamburger Flughafens hatte sogar Angst, es würde schmelzen. Vielleicht sollten die Herrschaften das Zeitfenster mal putzen. Dann hätten sie – das wäre zu hoffen – endlich den Durchblick, der ihnen offenbar fehlt, zumindest, was die Sprache angeht.

 

Mit dem Zeitraum wurde nicht so viel Unfug getrieben, eigentlich gar keiner. So geht es auch mit dem Zeitrahmen und der Zeitspanne. Alles Begriffe, die uns vertraut sind. Deshalb können wir gleich einen Sprung machen zum Zeitgraben. Wir tun das in der Hoffnung, nicht hineinzufallen, denn er soll riesig sein, also auch tief und damit gefährlich. Wer weiß, ob wir jemals wieder herauskämen. Diese Wortschöpfung war in der ZEIT vom 19. Mai zu lesen.

 

Nachdem wir glücklicherweise nicht in den riesigen Zeitgraben gefallen sind, kann es uns glatt passieren, dass wir uns ganz unverhofft in einem Zeitkorridor wiederfinden. Das kann uns Angst machen, denn der Zeitkorridor wird meist als eng bezeichnet. Menschen, die unter Klaustrophobie leiden, wird das zu schaffen machen. Ihnen bleibt nur die Hoffnung, dass dieser Korridor nicht zu lang ist. Und tatsächlich ist bisher nur von engen Zeitkorridoren gesprochen und geschrieben worden, die Länge der Zeitkorridore kam noch nicht zur Sprache. Möglicherweiseist ihre Länge nicht der Rede wert. Eines aber dürfte feststehen: Sprachklaustrophobiker werden den Zeitkorridor auf jeden Fall meiden. Ihnen macht diese sprachliche Enge zu viel Angst.

 

Setzen wir unsere Zeitreise fort. Jede Station wird sich von ihrer besten Seite zeigen, um uns zu amüsieren oder auch nachdenklich zu machen.

 

Die erste Station, auf der wir kurz Halt machen, heißt „im Zuge der Zeit“. Vor vielen Jahren in geschäftlicher Korrespondenz eine beliebte Floskel. Das haben die Chefs ihren Sekretärinnen einfach so in den Stenoblock diktiert. Dass die Zeit sich noch nie in einen Zug gesetzt hat, wurde nicht zur Kenntnis genommen. Mal abgesehen davon: Hätte man vor der Erfindung der Eisenbahn etwa „in der Kutsche der Zeit“ gesagt? Wohl kaum.

 

Fahren wir fort. Nächster Halt: Zeitraffer. Da jagen wir die Zeit so richtig vor uns

her. Natürlich nur bildlich gesprochen, und das im wahren Sinne des Wortes. Neuerdings immer häufiger im Fernsehen zu sehen. Da flimmert eine Bildgeschichte ganz normal über den Bildschirm, nur die Wolken am Himmel, die rasen wie verrückt. Das passt überhaupt nicht zusammen. Ein Grund dafür ist nicht zu erkennen. Eine Marotte der Filmer. Eine Modeerscheinung und deshalb wohl nicht von Dauer.

 

Gleich danach: Zeitlupe. Da ziehen wir die Zeit in die Länge, machen aus Sekunden Minuten, wenn nicht noch mehr. Auch das machen wir mit Bildfolgen, damit unsere langsamen Augen sehen können, was die Kürze der Zeit uns verbirgt.

 

So geht unsere Zeitreise weiter, von Aufenthalt zu Aufenthalt, von Zeitspanne zu Zeitnot, über Zeitnahme und Zeitnehmer. Diese beiden nehmen uns nicht die Zeit, sie klauen uns nicht unsere Zeit. Sie halten im sportlichen Wettbewerb nur fest, wie

viel Zeit jemand für irgendetwas gebraucht hat – für einen Hundertmeterlauf oder ein Autorennen.

 

Damit erreichen wir die nächste Station unserer Zeitreise. Sie heißt Zeitvertreib. Hier sollten wir uns einen etwas längeren Aufenthalt gönnen. Für Ungeduldige: wenigstens ein paar Augenblicke.

 

Was machen wir nicht alles, um uns die Zeit zu vertreiben! Wir amüsieren uns, wir sind ausgelassen, leichtsinnig, wir schweben über den Dingen, über der Zeit. Wir leben zeitvergessen. In uns die Ewigkeit, von der wir glauben, sie habe mit der Zeit nichts zu tun. Dass wir uns irren, tut nichts zur Sache. Wir glauben, zeitlos

glücklich zu sein.

 

Aber gelingt uns das wirklich? Können wir die Zeit vom Hof jagen – einfach so in die Wildnis der Unendlichkeit? Aber das wäre ja auch wieder Zeit. Oder wäre das die Unzeit? Die Zeit, die es nicht gibt. Sozusagen ein Schwarzes Loch? Eine Zeit, so fest

zusammengefügt, das nichts, aber auch gar nichts, nicht einmal die Andeutung von Zeit nach außen dringen könnte?

 

Das ist wohl wieder ein Thema für unsere Philosophen und Astrophysiker, nicht für uns. Unsere Unzeit ist viel schlichter. Wir kommen (zu einem Besuch) zur Unzeit, zu  einem Zeitpunkt, der nicht passt.

 

Der Zeitpunkt ist auf unserer Reise eine so kleine Station, dass wir uns dort nicht weiter aufhalten wollen. Wer aber will, kann hier aussteigen.

 

Ein Blick auf den Zeitfahrplan zeigt, dass noch einige Stationen vor uns liegen. Wir werden einige Zeit für die Weiterreise brauchen. Die sollten wir uns nehmen.

 

Ob es sich lohnt, wird sich herausstellen. Einige Neugier dürften allein die Stationen Zeitgeist, Zeitgeschichte, Zeitgeschehen, Vorzeit, Endzeit, Unzeit wecken.

 

Selbst geduldige Sprachreisende werden sich jetzt fragen, wann endlich die Reise ein Ende nimmt, wann das Ziel der Zeitreise erreicht sein wird. Das lässt sich im Augenblick nicht sagen. Denn das ist eine Frage der Zeit.

 

Kein Grund, nervös zu werden. Allerschlimmstenfalls könnten wir in Zeitnot

geraten. Das sollte uns nicht erschrecken; denn Zeit gibt es im Überfluss. Die Not kann also nicht allzu groß werden.

 

Tatsächlich weisen weitere Stationen auf unserer Zeitreise darauf hin, zum Beispiel Zeitzünder und Zeitbombe. Dort wollen wir lieber nicht Halt machen. Auch bei der Ortszeit verzichten wir auf einen Aufenthalt, obgleich diese Station einen eher

harmlosen, aber doch wenig einladenden Eindruck macht. Auch die Zeitzone lassen wir ohne anzuhalten hinter uns, selbst wenn uns da vielleicht etwas entgeht. Bei der Weihnachtszeit ist sicherlich ein längerer Aufenthalt angebracht. Bis dahin ist es aber noch weit.

 

Ehe unser Zeitzug sich auf der Zeitschiene wieder in Bewegung setzt und das monotone Rattern der Zeitachse uns von Station zu Station begleitet und ermüdet, nehmen wir erst mal eine Auszeit.

 

PS: Zu den bisher notierten Zeitwörtern kommen immer neue hinzu.

Zeitfalle, Zeitdruck, Echtzeit ... die Zeit läuft uns davon ...


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Kommentare: 1
  • #1

    Knud Hansen (Freitag, 12 August 2016 08:41)

    Lieber Herr Gudelius, es war mir eine Freude ihre Gedanken zum Thema "Zeit" zu lesen.
    Ich versuche mir ab und zu die Zeit zu nehmen, zeitlos zu sein. Mit freundlichem Gruß Knud Hansen