1.1.2026 | Unsere Serie der „Quickborner Porträts“ setzen wir heute mit einem Gespräch mit Jens-Olaf Nuckel fort, der vielen als Vorsitzender des Förder- und Trägervereins Henri-Goldstein-Haus e.V. bekannt ist.
Herr Nuckel, wir sind ja hier in einem besonderen Ort, vielleicht führen Sie uns einmal hier kurz ein.
Ja, gerne. Das ist hier ein Gebäude, das im Jahr 1935 im Quickborn Himmelmoor
errichtet worden ist. Es ist ein Gebäude, welches damals auch schon als Gefängnis errichtet wurde, denn im Himmelmoor ist durch Gefangene Torf abgebaut worden. Besonderer Ort deswegen, weil in
der Nazizeit in diesem Gebäude Kriegsgefangene untergebracht worden sind. Ab 1943 waren es französische Juden, die hier als Kriegsgefangene Gewalt erleiden und im Moor Torf stechen mussten, und
zwar 15 Kubikmeter am Tag. Das ist nicht wenig!
Besonderer Ort deswegen, weil es in Schleswig-Holstein keine weiteren Gebäude gibt, in denen Kriegsgefangene untergebracht worden sind. Es ist das einzige Gebäude in Schleswig-Holstein, das noch
als Kriegsgefangenengebäude in ursprünglicher
Form komplett erhalten ist und auch besichtigt werden kann. Deswegen ist das für uns ein ganz besonderer Ort.
Und Sie kümmern sich mit einem Verein um diesen historischen Ort, ja?
Ja, ich kann ja mal über die Gründung erzählen, wie es überhaupt dazu gekommen sind, dass dieser Ort hier als
Gedenkstätte erhalten ist.
Ich bin seit Ende der 90er Jahre für die Gedenkstätte des KZ Springhirsch tätig. Dort bin ich auch Mitglied im Vorstand und wurde von Dr. Gerhard Hoch, das war der damalige Vorsitzende, darauf
hingewiesen, dass es in Quickborn auch eine historische Stätte gibt.
Ich kannte diese Gebäude, ich bin mehrfach auch daran vorbeigefahren und wusste, dass hier ein Gefängnis war, in dem Gefangene untergebracht worden waren. Mir war aber nicht bekannt, dass in der
Nazi-Zeit in dem Gebäude Kriegsgefangene untergebracht worden sind.
Wir, Dr. Gerhard Hoch und ich, haben gemeinsam eine Presseerklärung veröffentlicht, mit der wir Bürger in Quickborn eingeladen haben, sich zu melden, um gemeinsam zu erforschen, was an diesem Ort
eigentlich geschehen ist. Das war im Jahre 2000. Da haben wir in Quickborn Bürger begeistert, sich in einer Runde zusammenzufinden und die Geschichte dieses Ortes entsprechend zu ergründen. Das
ist seit 2001 der Fall und im Jahre 2005 haben wir die Geschichte dieses Kriegsgefangenenlagers auch in einer Buchform veröffentlicht. Es gibt also ein Buch über das Kriegsgefangenenkommando
1416. Das ist dieser Ort hier und der ist dokumentiert von einem Insassen, der in diesem Gebäude in Gefangenschaft gewesen ist, den französischen Juden Henri Goldstein. Und nach ihm sind also
dieses Haus und auch unser Verein benannt.
Sie sind also Gründer des Vereins?
Ja, Mitgründer. Wir haben damals versucht, das Gebäude entsprechend auch herzurichten, denn es war in keinem guten Zustand. Das heißt, wir wollten
das Gebäude besichtigen, um zu klären, was wir aus dem ehemaligen Gefängnis machen können. Aber leider haben wir keinen Zutritt bekommen.
Im Jahr 2018 sind ja der Torfabbau und die Arbeiten im Gelände und Betriebshof beendet worden. Deswegen waren dann auch die Räume entsprechend frei. Und es gab eine Vereinbarung zwischen der
Stadt Quickborn und dem damaligen Eigentümer in Form eines Gebietsaustausches und die Gebäude konnten übernommen werden. Wir haben mit der Stadt Quickborn als neuer Eigentümer einen
Nutzungsvertrag geschlossen und sind hier als Verein tätig. Der Verein hatte sich im Jahre 2014 deswegen gegründet, um entsprechende Spenden mit einzuwerben, was bisher ja auch immer
gut funktioniert hat.
Ich bin seit 2014 Vorsitzender. War damals auch quasi Mitgründungsmitglied. Seitdem kümmern wir uns als Verein um das Gebäude und sind mittlerweile eine Gedenkstätte.
Sie machen ja auch mit Veranstaltungen immer zum 9. November auf die Verbrechen der Nazizeit aufmerksam ….
Ja, auch dieses Jahr hatten wir wieder ein Konzert im Artur-Grenz-Saal.
Wir hatten immer das Problem, dass wir als Verein nicht sichtbar sind. Wir hatten kein Gebäude. Wir waren nur ein Verein. Das ist also quasi nur eine Gruppe von Menschen. Und wir haben uns
überlegt, wie wir uns bekannt machen können. Also haben wir im Jahre 2014 mit Konzerten begonnen. Angefangen haben wir mit Rolf Becker und Kai Degenhardt, das war unsere erste Veranstaltung, die
wir um den 9. November herum gemacht haben. Das hat sich mittlerweile so etabliert, dass wir jedes Jahr ein Konzert, ein Theaterstück, eine Lesung organisieren. Und damit sind wir hier in
Quickborn auch bekannt geworden. Darüber haben wir in Quickborn einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht.
So konnten wir dann auch mit der Stadt Quickborn im Jahr 2021 einen Nutzungsvertrag unterschreiben. Und seit dem Jahre 2022 sind wir dabei, das Gebäude entsprechend zu herzurichten.
Und herzurichten heißt??
Wir haben vom Bund, vom Land Schleswig-Holstein und von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz einen nicht unerheblichen Zuschuss bekommen. Diesen Betrag haben wir eingesetzt, um dieses Gebäude
erst einmal wetterfest zu machen. Wir haben das Dach abgedichtet, die Außenwände saniert sowie die vorhandenen Fenster aufgearbeitet und neu in den Ursprungsfarben lackiert.
Leider hat das Geld nur für Aussen ausgereicht, wir sind aber weiterhin dabei, Gelder einzuwerben, damit wir auch den inneren Bereich, den man hier zum Teil auch erkennen kann, zu bearbeiten. Wir
haben gerade von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz wieder eine Spende über 25.000 Euro bekommen. Davon werden wir hier drinnen auch weitere Maßnahmen
durchführen. Das heißt, wir werden Räume, die Latrine und den Waschraum, in den Ursprungszustand zurückführen. Ziel ist es, dass wir uns nach und nach gemäß den jeweils zur Verfügung gestellten
Gelder entsprechend durcharbeiten. Das sind die Aufgaben, die wir uns im Verein im Moment vorgenommen haben.
Wir haben noch eine ganze Menge anderer Aufgaben, die wir im Jahr 2026 umsetzen wollen. Wir haben gerade die durch einen Wissenschaftler erstellte Ausarbeitung abgeschlossen, welche wir in
Auftrag gegeben hatten. Vom Land Schleswig-Holstein hatten wir einen nicht unerheblichen Betrag bekommen. Davon haben wir einen Betrag genutzt und haben einen Historiker, Herrn Dr. Karsten Wilke,
beauftragt, die Geschichte des Torfabbaus in vier politischen Systemen, das heißt Kaiserreich, Weimarer Republik, Nazizeit und Bundesrepublik, zu erkunden und darzustellen. Das ist jetzt gute
zweieinhalb Jahre her. Und jetzt haben wird endlich erreicht, dass diese Ausarbeitung, die als Buch erscheinen wird, fertig ist. Wir haben diskutiert, wie wir es veröffentlichen. Das heißt, wir
werden es hoffentlich im Sommer 2026 veröffentlichen können, sodass wir damit eine
vernünftige wissenschaftliche Grundlage haben für die weitere Bearbeitung durch unseren Verein. Wir wollen mit diesem Buch, mit dieser wissenschaftlichen Arbeit eine Ausstellung kreieren. Diese
werden wir in 2026 hier im Gebäude aufbauen. Das ist dann natürlich immer abhängig von einer Finanzierung. Wir sind dabei, Gelder einzuwerben. Bis jetzt haben wir immer gute Erfolge erzielt. Ich
hoffe, dass wir dann weiterhin dabei sein werden.
Wir haben in dem Buch „Kriegsgefangenen-Arbeitskommando 1416“ schon einen Hinweis darauf, dass wir leider während der
Erforschung dieser Gedenkstätte relativ wenig Unterstützung aus Quickborn bekamen. Es gab wenige, die gesagt haben: Ja stimmt, da habe ich einiges im Koffer. Ich kann ein paar Bilder oder ein
paar Geschichten dazu liefern. Das heißt, unsere Aufrufe sind leider nicht so wahrgenommen worden. Wir hoffen, dass wir über das Thema durch die kommende Veröffentlichung der wissenschaftlichen
Ausarbeitung, vielleicht etwas mehr Verständnis zu bekommen. Vielleicht auch ein bisschen mehr Informationen zu bekommen über das, was hier in diesem Gebäude passiert ist. Denn wir wissen vieles
nicht. Auch der ehemalige Torfwerksbesitzer, der den Betrieb zum Abbau des Torfes geführt hat, war sehr zugeknüpft. Auch dort haben wir leider keine Informationenbekommen. Deswegen fehlen uns
eigentlich viele Informationen. Es wäre schön, wenn wir noch mehr erhalten.
Man könnte meinen, wenn man das alles hört, Sie seien den ganzen Tag mit diesem Thema beschäftigt. Aber Sie haben ja noch einen Hauptberuf, wenn ich das richtig sehe.
Ja, ich sage das immer so, dass ich neben meinem Ehrenamt auch noch einen Beruf habe. Ich bin ein freier Architekt und habe zehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in meinem Büro in Hamburg. Wir,
meine Tochter als Partnerin und ich, kümmern uns sehr viel um Wohnungsbau und um Denkmale. Wir sind im Moment gut beschäftigt. Ich habe immer noch, auch wenn ich mittlerweile schon im Rentenalter
bin, noch viel Spaß daran. Und ich werde im Büro noch geduldet und freue mich immer wieder, dass ich diese Arbeit machen kann. Das ist eine sehr erfüllende Arbeit und das ist für mich auch eine
schöne Ergänzung. Gerade diese Arbeit für und mit dem Verein ist eine tolle Beschäftigung, weil das etwas ist, was ich auch in Quickborn einbringen kann.
Man hat ja mal mitbekommen, dass Sie auch eine Lehre gemacht haben, wenn ich das richtig verstanden habe...
Ja, habe ich. Meine Mutter hat gesagt: Jungs - ich habe zwei Brüder -, bevor ihr studiert, müsst ihr eine Lehre machen. Und ich habe mich damals entschieden, eine Lehre als Betonbauer zu
absolvieren. Das war im Jahr 1970. Und bin dann bei der Firma Paul Hammers in Hamburg angefangen, das war der 15.9.1970 und ich kam in eine Halle und sah da einen Typen, den kannte ich aus
Quickborn. Der hatte in Quickborn so eine Velosolex, ein Fahrrad mit Hilfsmotor, und ich war schon ein wenig neidisch auf dieses Gefährt. Ich fand das toll, weil er war motorisiert und ich musste
immer noch in die Pedale treten. Ja, und der Typ mit der Vélosolex, der stand da auf einmal. Ich denke, wir kennen uns doch.
Und das war Michael Friedrich Wilhelm Krüger und seitdem sind wir hier befreundet. Und der Michael Friedrich Wilhelm Krüger war auch derjenige, mit dem ich beim Elbtunnel war. Am Elbtunnel haben
wir mitgearbeitet, wir beide als Lehrling, damals bei den Flechtern. Und wir haben auch gemeinsam studiert und ich sage immer, aus Mike ist was geworden und ich habe studiert. Und ja, Mike ist
eben der Mike Krüger, der bekannte! Und wir sind heute noch befreundet, er hat nächste Woche Geburtstag, er wird 74, und ich bin eingeladen. Ich freue mich schon darauf, dass wir wieder einen
netten Abend verleben. Und ich komme auch mit seiner Frau Birgit unheimlich klar, wir vier, also meine Frau Ingrid und Birgit, Mike und ich, wir kommen gut miteinander zurecht und freuen
uns immer wieder, uns zu treffen. Das passiert nicht häufig, aber es passiert eben. Und das haben wir jetzt über gut 50 Jahre durchgehalten und wie gesagt, wir reden immer noch miteinander, das
ist schon gut so.
Ja, das ist doch eine tolle Geschichte. Das habe ich jetzt nicht ganz verstanden, sind Sie denn gebürtiger Quickborner?
Nein, aber ich fühle mich so. Ich bin geboren in Heidelberg und das war eben in den Kriegswirren so, meine Mutter ist aus Berlin, mein Vater ist aus Ostpreußen und man hat sich dann in Heidelberg
getroffen, weil Berlin ausgebombt war und so ist meine Mutter nach Heidelberg gekommen, mein Vater ist nach dem Krieg dazugekommen. Und dann gab es auch drei Jungs, wir sind alle drei dort
geboren. Aber meine Mutter konnte das dortige Klima nicht gut vertragen, weil die Stadt in einem Kessel liegt. Sie hatte Bronchitis und das hat nicht gepasst. Meine Eltern haben im Jahr 1960 in
Büsum Urlaub verbracht und diese salzige Luft, das ist das, was ihr hier unheimlich gut getan hat. Sie haben also damals mutig beschlossen, in den Norden zu ziehen. Sie haben ein Haus gesucht und
haben es in Quickborn gefunden.
Ich bin also seit 1961 in Quickborn und ich fühle mich als Quickborner, auch wenn ich das nicht bin, aber ich fühle mich hier einfach wohl.
Na gut, das ist ja auch eine schöne lange Zeit, die Sie dann schon hier sind. Und was schätzen Sie also auch heute noch an Quickborn?
Ich habe ja versucht, lange Zeit mitzugestalten und war lange Zeit in der Politik. Als SPD-Fraktionsvorsitzender und als stellvertretender Bürgermeister habe ich versucht, ein wenig
mitzugestalten. Da wir als SPD in Quickborn nicht in der Mehrheit waren, war das schon ein wenig schwierig. Trotzdem haben wir als Sozialdemokraten einiges damals belebt und ich fühle mich hier
einfach auch deswegen wohl. Das liegt vor allem auch an den Menschen. Wir haben viele Freunde hier in Quickborn und ich bin hier zur Schule gegangen. Deswegen habe ich einige Schulkameraden hier
in Quickborn. Ich kann nur sagen, ich fühle mich hier sehr wohl, wohne hier mit meiner Familie. Ein Teil meiner Familie, eine Tochter, ist auch wieder zurückgezogen, nachdem sie woanders studiert
hat.
Ich kann nur sagen, die Stimmung hier gefällt mir und ich mag das Leben in diesem Ort. Es ist ein verschlafener Vorort, aber es ist eine Stadt in der Nähe von Hamburg. Auch ich schlafe hier,
genieße es, gehe auch mal zum Weihnachtsmarkt, gehe auch zur Ratsversammlung oder nehme an einigen Veranstaltungen hier in Quickborn teil und fahre aber auch gerne nach Hamburg. Dort ist mein
Büro, deswegen ist das auch eine Art Mittelpunkt. Das heißt, wir sind tagsüber in Hamburg und freuen uns aber auch immer wieder, wenn wir nach Hause kommen.
Wir, meine Frau und ich, haben drei Kinder, drei Töchter. Die älteste ist bei mir im Büro. Sie ist quasi meine Chefin, sie hat das Büro bereits übernommen. Und ich bin, wie gesagt, sehr geduldet.
Wir haben eine zweite Tochter, sie hat Betriebswirtschaft studiert und ist in einem Hamburger Unternehmen tätig. Auch mit ihr arbeite ich zusammen. Wir haben gerade jetzt ein Projekt gemeinsam
besichtigt, weil ich mich in dem Bereich der Denkmalpflege seit langem etabliert habe. Und sie hatte einige Fragen und wir werden das Projekt wahrscheinlich gemeinsam bearbeiten. Darauf freue ich
mich besonders.
Und wir haben eine dritte Tochter, sie hat Biochemie studiert. Also völlig artfremd für mich. Chemie war in meiner Schulzeit immer ein Grauen. Ich hatte immer eine Vier oder eine Fünf, bin immer
gerade eben so vorbeigeschrammt. Und ich finde es bewundernswert, dass meine Tochter dieses Fach jetzt studiert und mit dem Master abgeschlossen hat. Sie ist im Moment bei Beiersdorf in der
Forschung bzw. Entwicklung. Ich habe hohen Respekt davor, weil ich davon so gut wie nichts verstehe!
Und ich finde es schon toll, diese Entwicklung von drei Kindern miterlebt zu haben.
Ja, prima, vielen Dank. Ich denke mal, wir haben Ihren Lebensweg ganz gut nachgezeichnet. Ich bedanke mich für das Gespräch und wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg für die Arbeit hier vor
Ort für das Henri-Goldstein-Haus.


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