„Wenn keiner hier ein Nazi war, dann war ich eben der einzige, denn einer muss es ja gewesen sein..."

Iko Andrae, Andreas Bahli Bahlmann und Eckhard Harjes (v.l.) begeisterten mit einem nachdenklich stimmenden Programm das Publikum
Iko Andrae, Andreas Bahli Bahlmann und Eckhard Harjes (v.l.) begeisterten mit einem nachdenklich stimmenden Programm das Publikum

12.11.2025 | Seit vielen Jahren lädt der Verein Henri-Goldstein-Haus zum Gedenken an den 9. November, dem Tag der Reichsprogromnacht, zu einer Veranstaltung ein. In diesem Jahr hatte der Verein die Gruppe AndraeBahlmannHarjes eingeladen, die am Sonnabend mit sehr persönlichen Texten und Songs einen Bogen von der Nazi-Zeit über den Krieg bis zum Umgang mit der Nazi-Zeit in der jungen Bundesrepublik schlug. Dem Trio gelang es, die rund 100 Zuschauer immer wieder einzubeziehen.

 

Der Vereinsvorsitzende Jens-Olaf Nuckel begrüßte als Ehrengäste die Stellv. Landtagspräsidentin  Beate Raudies mit Ehemann,

den Kreispräsidenten Ahrens, die Stellv. Kreispräsidentin Elke Schreiber und Quickborns Bürgervorsteherin Annabell Krämer, die ja auch stell. Landtagspräsidentin ist. Bürgermeister Thomas Beckmann kam wegen eines anderen Termin später hinzu.

 

Nuckel berichtete, dass er gemeinsam mit seiner Frau im Rahmen eines Berlin-Besuches auch das Grab von Margot Friedländer auf dem Jüdischen Friedhof besucht habe. Er zitierte einige Aussagen der Auschwitz-Überlebenden, die sich ja in den letzten Jahren als Mahnerin einen Namen gemacht hatte:

- Damals haben die Menschen gejubelt, weil sie nicht wussten, für was.

- Das Entsetzen, das zu sehen, die zerschlagenen Fensterscheiben der jüdischen Geschäfte, die es nicht mehr gab. Die Menschen, die sich bereichert haben an den Sachen und die SS, die vor den Geschäften gestanden hat. Das war der Moment, wo ich gesagt habe, das ist der Beginn von etwas Schlimmerem.

- Schaut nicht auf das, was Euch trennt, sondern auf das, was Euch verbindet.

- Seid Menschen!

 

Zum Start ihres Auftritts verwiesen die Musiker Eckhard Harjes (Gesang, Gitarre), Iko Andrae (Gesang, Bass) und Andreas Bahli Bahlmann (Drummer) darauf, dass sie aus Jever nach Quickborn gekommen seien. Ihr Heimatort spielte dann auch in ihrem Programm eine entscheidende Rolle, denn sie berichteten über das Leben von Fritz Levy, der unter dem Namen „der letzte Jude von Jever" bekannt geworden war. 1901 geboren übernahm Levy nach dem Tod seines Vaters 1919 die väterliche Viehhandlung. Nach der Machtergreifung legte er sich mit den Nazis an und kam 1938 ins KZ Sachsenhausen, aus dem er aber nach einem halben Jahr wieder entlassen wurde. 1939 floh er zunächst nach Shanghai, später nach San Francisco. 1950 kehrte er in seine Heimatstadt zurück, litt jedoch uner Depressionen. Er engagierte sich für das städtische Jugendzentrum, mit den Stimmen vorwiegend der Jugendlich wird er 1981 mit 80 Jahren in den Stadtrat gewählt. 1982 stirbt er durch Suizid.

 

Die Künstler griffen mit verschiedenen Songs Stationen dieses bewegten Lebens auf und brachten das Publikum damit spürbar zum Nachdenken. Dies wurde dadurch unterstützt, dass sie jeweils großformatige Fotos der beschriebenen Personen ins Publikum reichten, außerdem brachten sie die Gäste auch bei dem enen oder anderen Song dazu, den Refrain mitzusingen. Sogar einen Bezug zu Quickborn gab es: Eva Hirche, die sich mit ihrer jüdischen Mutter auf dem Dachboden des Kinos in Jever versteckte, fand später auch in Quickborn mutige Menschen, die sie schützten. Levy hatte nach seiner Rückkehr nach Jever große Probleme mit der fehlenden Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit. Sein sarkastischer Spruch „Wenn keiner hier ein Nazi war,  dann war ich eben der einzige,  denn einer muss es ja gewesen sein..." beeindruckte in der Vertonung der Band besonders.

 

Nach der Pause standen Texte des Autoren Oswald Andrae im Mittelpunkt. Die Namensgleichheit ist kein Zufall: Der Dichter war der Vater des Bassisten! Oswald Andrae wurde 1926 in Jever geboren  machte sich mit seinem charakteristischen Schreibstil vornehmlich in plattdeutscher Sprache einen Namen, in dem er zunehmend kritisch vor allem  politische und gesellschaftliche Entwicklungen des späten 20. Jahrhundert hinterfragte. Für dieses Schaffen verlieh ihm 1971 die Alfred-Toepfer-Stiftung den Klaus-Groth-Preis. In einem Song thematisierte die Band u.a. seinen Einsatz als Luftwaffenhelfer in den Jahren 1943/44.

 

Reichlich Beifall belohnte die Künstler für einen Abend, der auf besondere Weise die Greuel der Nazi-Zeit und die Probleme der Aufarbeitung nach dem Krieg in Erinnerung rief.

 

Jens-Olaf Nuckel, Vorsitzender des Vereins Henri-Goldstein-Haus, begrüßte die Besucher
Jens-Olaf Nuckel, Vorsitzender des Vereins Henri-Goldstein-Haus, begrüßte die Besucher

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Kommentare: 3
  • #1

    Hans-Joachim (Donnerstag, 13 November 2025 11:03)

    Eine sehr treffende Beschreibung des gelungenen Abends!

  • #2

    Iko Andrae (Donnerstag, 13 November 2025 14:57)

    Danke Quickborn für den herzlichen Empfang, für das große Interesse und das Engagement für Eure Erinnerungsarbeit!

  • #3

    Max (Mittwoch, 03 Dezember 2025 15:52)

    Die ewig gestrigen

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